BKartA – Vertriebsmodell der Intersport-Online-Plattform

Mit Pressemitteilung vom 25. Juni 2020 teilte das deutsche Bundeskartellamt mit, dass es das Vertriebsmodell der Intersport-Online-Plattform geprüft und kartellrechtlich nicht beanstandet hat. Basierend auf den ihm vorgelegten Informationen sah das Bundeskartellamt keine Notwendigkeit für eine vertiefte Prüfung. Es billigt damit mögliche Einschränkungen des Wettbewerbs zwischen den einzelnen Intersport-Fachhändlern zugunsten eines intensivierten Wettbewerbs gegenüber grossen Online-Händlern wie namentlich Amazon und den vermehrt selbst online tätigen Herstellern. Gemäss Bundeskartellamt würden davon aufgrund einer grösseren Einkaufsvielfalt im Online-Bereich letztlich auch die Konsumenten profitieren.

Hintergrund

Intersport ist mit einem Einzelhandelsumsatz von knapp EUR 12 Mrd. im Jahr 2019 und mehr als 5’500 angeschlossenen Geschäften in 43 Ländern eines der weltweit führenden Sportartikel-Einzelhandelsunternehmen. In Deutschland betreiben mehr als 900 Mitglieder insgesamt rund 1’500 Sport-Fachgeschäfte. Innerhalb der Intersport-Verbundgruppe betreibt die Intersport Digital GmbH (IDG) die Online-Vertriebsplattform für die angeschlossenen Händler in Deutschland.

Im Januar 2019 wurde die Plattform der IDG auf ein sog. „Streckengeschäftsmodell“ umgestellt, womit der Verkauf der Produkte an die Endkunden und die Preissetzung nicht mehr durch die einzelnen Intersport-Händler erfolgt, sondern durch die IDG-Plattform. Die Intersport-Händler haben betreffend diese Verkäufe damit keine direkten Vertragsbeziehungen zu den Endkunden, sondern lediglich mit der IDG-Plattform. Die einzelnen Händler können jedoch festlegen, für welchen Preis sie bereit sind, ein bestimmtes Produkt an die IDG abzugeben. Die IDG leitet die Bestellvorgänge nach einem internen Verteilschlüssel an einen oder mehrere Händler zur Auslieferung weiter. Sie wählt diese hierfür in Abhängigkeit von bestehenden Lieferkapazitäten und der räumlichen Nähe zum jeweiligen Endkunden. Der Kaufvertrag zwischen der IDG und dem entsprechenden Händler kommt dabei in der logischen Sekunde zustande, in welcher der Endkunde seine Bestellung über die IDG-Plattform auslöst.

Die IDG-Plattform bezweckt, insbesondere auch kleineren Intersport-Fachhändlern Zugang zu einer nachhaltig wirtschaftlich tragfähigen Online-Plattform zu bieten, die sie als eigenständige Shop-Lösung kaum hätten realisieren können. Ferner sollte es den Händlern ermöglichen, sich gegen grosse Online-Händler wie namentlich Amazon und auch gegen die Online-Shops der Hersteller zu behaupten. Die gemeinsame Plattform soll den mehrheitlich stationär tätigen Intersport-Händlern ermöglichen, sich am Online-Handel zu beteiligen und den Wettbewerb im Sportfachhandel damit zu stärken.

Ergebnis

Nach eigenen Angaben hat das Bundeskartellamt (BKartA) das beschriebene Streckengeschäfts-Vertriebsmodell von Intersport geprüft und kartellrechtlich nicht beanstandet. Basierend auf den vorgelegten Informationen sah es keine Notwendigkeit für eine vertiefte Prüfung, auch wenn es den Wettbewerb zwischen den Intersport-Händlern aufgrund der gemeinsamen Plattform als geringfügig beeinträchtigt sah. Nach Ansicht des Amts würden die angeschlossenen Intersport-Händler nur einen sehr geringen Anteil ihrer Produkte über die Online-Plattform vertreiben und vornehmlich stationär tätig sein. Ferner stehe es allen Händlern uneingeschränkt frei, neben dem gemeinsamen Plattformangebot zu eigenständig festgesetzten Preisen eine eigene Online-Geschäftstätigkeit über Drittplattformen oder einen eigenen Online Shop zu betreiben.

Nach Aussagen des BKartA-Präsidenten, Herrn Andreas Mundt, sei es gerade für kleinere Händler schwer, sich allein im Wettbewerb gegen grosse Online-Händler Hersteller zu behaupten. Das gemeinsame Online-Angebot unter der Marke Intersport böte den vornehmlich stationär tätigen Händlern eine attraktive Vertriebsalternative und stärke den Wettbewerb im Sportfachhandel. Letztlich würden auch die Konsumenten von einer grösseren Einkaufsvielfalt im Online-Bereich profitieren.

Das BKartA hat nach eigenen Angaben der IDG-Plattform gegenüber jedoch auch deutlich gemacht, dass der Zugang zur Online-Vertriebsplattform allen Intersport-Händlern diskriminierungsfrei offenstehen müsse, soweit die Zugangsbedingungen erfüllt würden. Letztere müssen für alle Händler einsehbar sein und dürfen keine Benachteiligung von kleineren und umsatzschwächeren Händlern enthalten.

Würdigung

Das Bundeskartellamt hat mit dem dargestellten Entscheid Einschränkungen des Wettbewerbs zwischen Händlern derselben Verbundgruppe zugunsten eines intensivierten Wettbewerbs gegenüber immer mächtiger werdenden Online-Plattformen wie namentlich Amazon oder den vermehrt selbst online aktiven Herstellern gebilligt. Die vom BKartA veröffentlichte Pressemitteilung legt aber letztlich nicht offen, welche Erwägungen im Detail zu dieser Einschätzung geführt haben und wie entscheidend gewisse Umstände dabei waren, namentlich etwa derjenige, dass die Intersport-Fachhändler über weite Strecken im stationären und nicht im Online-Handel tätig seien. Zentral dürften sicher auch die Erfordernisse hinsichtlich Transparenz und Nichtdiskriminierung bei den Zugangsbedingungen und die Freiheit der Händler sein, über andere Plattformen verkaufen bzw. einen eigenen Online-Shop eröffnen zu dürfen.

Der Entscheid ist zu begrüssen, da er (soweit aus der Pressemitteilung ersichtlich) den Eigenheiten des Online-Handels sowie den tatsächlichen wirtschaftlichen Folgen angemessen Rechnung zu tragen scheint und nicht bei einer formalistischen Betrachtungsweise stehenbleibt. Die Einzelhändler, die Konsumenten und der wirksame Wettbewerb als Ganzes dürften gleichermassen von der zusätzlichen Internetvertriebsmöglichkeit profitieren.

Zukünftig dürfte es (auch in der Schweiz) vermehrt solche Initiativen für Vertriebspartnerschaften und vergleichbare Zusammenarbeitsformen geben, die einer wettbewerbsrechtlichen Prüfung bedürfen. Grund hierfür ist, dass es für primär stationäre Einzelhändler (aber auch für andere Geschäfte, die im analogen Zeitalter gross geworden sind) schon seit längerer Zeit immer schwieriger wird, sich im Wettbewerb gegen reine Online-Händler und Online-Plattformen mit teils disruptiven Geschäftsmodellen zu behaupten. Wollen sie überleben, sind sie daher gezwungen, neue Wege zu beschreiten und Partnerschaften einzugehen. Dies gilt insbesondere für den Handel über Online-Plattformen, der eine natürliche Neigung zu oligopolistischen Strukturen zu haben scheint (The Winner Takes It All).

Basierend auf der bundesgerichtlichen Rechtsprechung bspw. in Sachen Gaba/Gebro (BGE 143 II 297),BMW (BGer 2C_63/2016) und Altimum (BGE 144 II 246) verfolgen die Schweizer Wettbewerbsbehörden (namentlich in vertikalen Verhältnissen) einen formalistischen Ansatz, der insbesondere an die Effizienzrechtfertigung im Sinne von Art. 5 Abs. 2 KG und der darin enthaltenen Voraussetzung der Erforderlichkeit (zu) hohe Anforderungen stellt. Vor diesem Hintergrund wäre es daher begrüssenswert, wenn der hier dargestellte Entscheid des BKartA auch bei den Schweizer Wettbewerbsbehörden Beachtung fände.